MITTEILUNGEN
der
FREUNDE DER BAYERISCHEN VOR- UND FRÜHGESCHICHTE

Nr. 40 vom Juni 1986

Die Rekonstruktion eines Wagens der Hallstattzeit und eines römischen Reisewagens

Als erstmals der Gedanke aufkam, in der Prähistorischen Staatssammlung anläßlich des 100. Geburtstages des Automobils eine Ausstellung über Transport und Verkehr im antiken Bayern zu präsentieren, war allen Beteiligten klar, daß diese Schau erst durch Nachbauten antiker Wagen für ein breiteres Publikum informativ und interessant würde. Natürlich war dies nur unter zwei Voraussetzungen möglich: Es mußten hochherzige Spender, welche die Kosten für diese handwerklichen Einzelanfertigungen übernahmen, und fähige Handwerker für die Ausführung gefunden werden. Während eine bekannte bayerische Automobilfirma kein Interesse zeigte, fanden sich in der Siemens AG (Mittel des Ernst-von-Siemens-Kunstfonds), in der Dresdner Bank München und einem ungenannten Spender hochherzige Mäzene, die die Verwirklichung des Traumes ermöglichten. Die handwerkliche Seite des Problems wurde mit Hilfe des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim gelöst - davon später mehr.

Natürlich ist es eine Binsenwahrheit, daß derartige Nachbauten letztlich nur denkbare Möglichkeiten illustrieren und nicht bis ins letzte Detail abzusichern sind. Wir entschieden uns aufgrund der zur Verfügung stehenden Originalrunde für einen hallstattzeitlichen Wagen und einen römischen Reisewagen. Die Ausgangslage ist zwar für beide Wagen unterschiedlich, doch boten beide Rekonstruktionen ähnliche Detailprobleme. Der Hallstattwagen geht auf die Beobachtungen zurück, die an den erhaltenen Resten eines solchen Wagens in Grab 1 des Gräberfeldes von Großeibstadt, Ldkr. Rhön-Grabfeld bei der Ausgrabung im Jahr 1954 und bei der Bearbeitung durch Georg Kossack getroffen werden konnten.

Bei der Nabe sind nur Hals und Kopf, nicht das Zentrum, durch Metallbeschläge in ihrer Form gesichert. Die Krümmung der eisernen Reifenfragmente führt zu einem Raddurchmesser von etwa 0,83 m. Als Material wurde am ganzen Wagen Eschenholz verwendet.

Der römische Reisewagen verwendet zwar ebenfalls zwei Originalfundstücke aus Bayern (an der Aufhängung und am Kutschbock), diese können aber natürlich nicht den ganzen Wagen determinieren. Hier wurde einerseits auf antike Darstellungen zurückgegriffen, vor allem ein Relief aus der norischen Provinzhauptstadt Virunum, das heute an der Kirche von Maria Saal in Kärnten eingemauert ist. Andererseits gibt es in Pannonien und Thrakien sowie in Gallien Gräber des ausgehenden 2. und frühen 3. Jahrhunderts n.Chr., in denen solche Wagen als Beigabe gefunden wurden. Die dort in Originallage überlieferten Metallbeschläge der Räder, des Fahrgestells und des Ausbaus haben schon zahlreichen Rekonstruktionen als Grundlage gedient - allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen. Wir haben uns weitgehend an den letzten derartigen Versuch angelehnt, den im Römisch-Germanischen Museum Köln ausgestellten Wagen aus dem Wardartal (Makedonien).

Dies war im großen und ganzen die Ausgangslage, als wir im Frühjahr 1985 mit dem mittelfränkischen Wagner, Herrn Georg Scheckenbach aus Illesheim und dem Wagner des Fränkischen Freilandmuseums, Herrn Karl Neumeyer, in Verbindung traten. Mit beiden Herren wurde der Wagen aus dem Wardartal in Köln besichtigt und, dank dem Entgegenkommen der Museumsleitung, vermessen. Bereits hier ergaben sich im Gespräch einige Veränderungen gegenüber diesem Konzept (Aufbau, Langfuhr, Lenkung, Deichsel), aber auch die Notwendigkeit, gut abgelagertes Holz zu verwenden, um späteren Schrumpfungsschwund zu vermeiden, wurde hier augenfällig.

Reisewagen So entstand zunächst der römische Reisewagen im Lauf der folgenden Monate als Idealvorstellung, nicht als Rekonstruktion eines bestimmten Fundes. Allerdings wurde kein Versuch unternommen, die reichhaltige Giebeldekoration durch Nachbildungen anzudeuten. Der große Fortschritt gegenüber allen vorrömischen Wagen war die federnde Aufhängung der Karosserie mit Lederriemen an seitlich von den Achsen hochgezogenen Trägern - ein Prinzip, das erst über 1000 Jahre später in abgewandelter (um 90° gedrehter) Form an ungarischen Kutschen wieder aufgenommen wurde und so heute noch bei Kinderwagen verwendet wird: Sogar die Lederriemen haben hier überlebt. Die Lehnen des Kutschbockes wurden - entsprechend dem einzigen zur Verfügung stehenden Straubinger Beschlag - gerade und nicht wie sonst gebogen ausgeführt. Der Aufbau wurde mit einer Plane versehen, da dies auf dem Relief von Maria Saal dargestellt ist und sich so auch Nutzlast und Einsatzmöglichkeiten erhöhen.

Gerade hierbei sind im Detail natürlich zahlreiche andere Lösungen möglich, von der Aufteilung der einzelnen Stoffbahnen bis zu ihrer Befestigung in herabgelassenem und hochgerolltem Zustand. Hypothetisch ist auch die Inneneinrichtung mit 4-6 Sitzplätzen und das Brett, auf dem der Kutscher seine Füße abstützt. Mehrere Möglichkeiten gibt es für das Bremsen:

Mittels einer durch die Speichen der Hinterräder gesteckten Stange, durch Bremshaken, die in die Speichen eingriffen, oder durch Blockieren der Räder mit Eisenketten.

Der Wagen ist ohne Deichsel 3,26 m lang, die Achsen sind 2,14 m breit, die Höhe beträgt unbeladen 2,44 m. Die Karosserie ist außen 1,055 m breit bei einer Innenlänge von 1,95 m und einer Innenhöhe von 1,50 m. Der Federweg beträgt 9,5 cm, der Wendekreis 9,50 m (Radstand 1,0 m, Spur 1,62 m). Die Räder haben vorn 1 m, hinten 1,10 m Durchmesser und 12 Speichen. Als Material wurde aus Haltbarkeitsgründen durchgehend Eiche verarbeitet.

Hallstattwagen Andere Probleme gab es mit dem Hallstattwagen. Es beginnt schon mit der Frage: lenkbar oder nicht lenkbar? Während die Achsschenkellenkung, die uns vom Auto vertraut ist, als Erfindung des bayerischen Hofwagnermeisters Lankensperger für das Jahr 1816 bezeugt ist, steht die Erfindung des lenkbaren Wagens überhaupt nicht so genau fest. Wahrscheinlich ist diese Erfindung sogar mehrfach im Lauf der Zeit gemacht worden. So hat man in nordwestdeutschen Mooren des 3. Jahrtausends bis zu 4 m breite Bohlenwege für nicht lenkbare Wagen festgestellt. Bronzezeitliche Wege sind mit 2,4-2,5 m wesentlich schmaler, was als Indiz für nunmehr lenkbare Wagen gedeutet wird. Während man in römischer Zeit u. a. durch Funde von massiven Reibnägeln sicheren Grund für die Annahme der Lenkbarkeit besitzt, ist dies bei den älteren Wagen aufgrund der Fundsituation nicht klar. Auch der spektakuläre Wagen aus dem Fürstengrab von Hochdorf bei Ludwigsburg hat in dieser Frage keine neuen Erkenntnisse geliefert. Wir haben uns daher für eine lenkbare Vorderachse mit hölzernem Reibnagel entschieden, der natürlich keine Spuren im Grab hinterläßt. Bei entsprechender Dimensionierung entsprach er völlig den an ihn zu stellenden Anforderungen, und bei Bruch oder Verschleiß konnte er leicht ausgewechselt werden.

Bei der Höhe des Wagenkastens, die nach heutigen Vorstellungen über praxisgerechte Lastwagen fast absurd niedrig erscheint, ging man mit 8,5 cm von dem Kasten des Hochdorfer Wagens aus, ebenso bei der Wandstärke von 6 cm. Während in Hochdorf der Boden aus dünnen, miteinander verflochtenen Eschenstangen bestand, haben wir stabilere Rundhölzer verwendet. Für das Fahrgestell wurde, analog der Darstellung auf dem Bronzesofa von Hochdorf, eine Langfuhr mit gabelförmigen Enden gewählt (Y-Form). Während dort jedoch zehnspeichige Räder im Einsatz waren, hatten die Großeibstädter Räder 16 Speichen, wie entsprechende Holzspuren an den Innenseiten der Eisenreifen erkennen lassen. Die Felgen waren zweischichtig: innen waren im heißen Wasserbad zwei Späne zu einem Reif gebogen und mit zwei Felgenschlössern gesichert, darauf saßen durch T-Klammern verbundene gesägte Felgenbretter.

Bei den Maßen waren durch die Fundlage im Grab der Radstand mit 1,50 m, die Spur von 1,20 m und die Kastenmaße von 1,70 m Länge und 0,85 m Breite vorgegeben.

Das Urteil über die nachgebauten Wagen werden die Besucher der Ausstellung und jener Zweigmuseen der Prähistorischen Staatssammlung sprechen, in denen die Wagen später ausgestellt werden, vor allem aber die lebendige Archäologie, die durch glückliche Neufunde zur Bestätigung oder Änderung des einen oder anderen Details führen kann. Auf jeden Fall aber erhalten Museumsleute, Archäologen und alle anderen Besucher des Museums einen anders kaum vermittelbaren Denkanstoß zur Besinnung Reitpferd auf die Wurzeln des heutigen Transportwesens und zur realistischen Einschätzung von Fortschritt und Tradition nicht nur im Wagenbau. Hierfür ist den Mäzenen und den Handwerkern über die Wochen der Münchner Ausstellung hinaus zu danken.
Jochen Garbsch


Die Prähistorische Staatssammlung zeigt in der Zeit vom 10.7. bis 5.10.1986 die Ausstellung

Mann und Roß und Wagen - Transport und Verkehr im antiken Bayern.

Aus diesem Anlaß laden wir Sie für Mittwoch, den 9. Juli 1986 um 18.00 Uhr (pünktlich) zur Eröffnung in die Prähistorische Staatssammlung (Lerchenfeldstr. 2, 8000 München 22) ein.
Nach der Begrüßung durch Dr. Hermann Dannheimer und einer kurzen Einführung in die Ausstellung durch Oberkonservator Dr. Jochen Garbsch spricht Herr Bezirksheimatpfleger Paul Ernst Rattelmüller zum Thema
Mit Roß und Wagen über die Alpen - Fuhrwerksverkehr im 19. Jahrhundert.

Der 1. Vorsitzende der Vereinigung, Dr. Walter Dieck, wird die Ausstellung eröffnen.

Über Ihr Erscheinen würden wir uns sehr freuen.

Dr. H. Dannheimer      Dr. W. Dieck

Nach der Eröffnung werden Erfrischungen gereicht, für die wir der Bayerischen Handelsbank zu danken haben.