LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Sebastian Donat
Proseminar II (A): Metrik
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WS 2001/02
Referat vom 29.10.2001
Thema: Der Rhythmus als konstruktiver Faktor des Verses |
Der Rhythmus als konstruktiver Faktor des Verses
aus: Tynjanov, J. N., Das Problem der Verssprache, München 1977,
über S. 38 72
Material
Dieser Begriff kann mit Wort oder Rede verstanden werden. Im Wort gibt es Momente. Diese sind einander nicht gleichberechtigt zugeordnet. Deformation oder Degradierung ist die Folge.
Der dynamische Formbegriff
Da statische Einheit sich als unbeständig erweist (Beispiel: statischer versus dynamischer Held), plädiert Tynjanov für den dynamischen Formbegriff. Ihm genügt nur ein Zeichen von Einheit, um Einheit feststellen zu können.
Der dynamische Formbegriff äußert sich:
- im konstruktiven Prinzip: eine Funktion wird einer anderen übergeordnet.
- wenn die Wechselwirkung zweier Momente empfunden wird.
Automatismus
Die Wechselwirkung zweier einander nicht gleichwertigen Momente wird nicht mehr wahrgenommen.
Innovationen, zum Beispiel im Metrum, wirken dem entgegen. Sie erneuern die Dynamik im Verhältnis der Faktoren.
Motiviertheit
Motiviertheit liegt vor, wenn ein Faktor sich von Seiten aller übrigen rechtfertigt. Am Beispiel der Parodie lässt sich die Kombination von verschiedenen motivierten Reihen erkennen ( Zum Beispiel kann die Reihe Metrum und Syntax mit einer abweichenden Reihe Lexik und Semantik kombiniert werden.).
Leistungen der Ohrenphilologie
(In der Ohrenphilologie existiert ein Vers nur als klingender Vers. Tynjanov steht ihr teilweise kritisch gegenüber.) Dazu zählt die Erkenntnis, dass in der antiken Versdichtung der vorgegebene Rhythmus den Inhalt prägte. In der Moderne hingegen hat der Inhalt auf die rhythmischen Faktoren Einfluss.
Die Ohrenphilologie unterscheidet zwei Rezitationsarten: die Taktierende und die Phrasierende
Innerhalb des Verses wird daraufhin ein Kampf der Faktoren festgestellt. Man entdeckt den
vers libre als freiere rhythmische Konstruktion. Daraus ergibt sich aber für die Wissenschaft die Frage, warum man den vers libre nicht zur Prosa zuordnet.
Lexikondefinition des vers libre
(aus: Metzler-Literatur-Lexikon, Stuttgart, 1984):
Vers libre (frz. für freier Vers)
- frz. Bez. der in der franz. Literatur des 17. Jh.s beliebten freien Verse
- Bez. für den im Symbolismus im Rahmen der konsequenten Ablehnung aller Traditionen entwickelten freirhythm. reimlosen Vers: er entspricht formal den sog. freien Rhythmen des 18. Jh.s, obwohl er entstehungsgeschichtl. nicht an diese anknüpft. Er wurde theoret. fundiert und programmat. eingesetzt seit 1886 v. a. von G. Kahn (Les palais nomades, 1887), J. Laforgue, J. Moreas, F. Viele-Griffin in der Zeitschrift La Vogue, z. T. gefördert durch ähnl. frühe Versuche W. Whitmans (Leaves of grass, 1855, übers. von Laforgue, 1886). Der symbolist. v. l. beeinflusste nachhaltig die Verssprache der europ. und angloamerikan. Lyrik (E. Pound, T. S. Eliot, A. Lowell, vgl. die engl. Bez. cadenced verse). Als v. l. gelten auch die Verse, die die syntakt.-log. Bezüge der Sprache auflösen (Verse aus Einzelwörtern, Silben, Buchstaben; Versuche im Dadaismus, Surrealismus, Lettrismus usw.).
Textäquivalente
Textäquivalente sind außersprachliche Elemente, die den Text ersetzen. Sie stellen einen Bereich dar, an dessen Untersuchung die Ohrenphilologie, nach Tynjanov, exemplarisch scheitert.
Sie bewirken mit Druck und Spannung die Zerstörung des Automatismus, die Hervorhebung des konstruktiven Faktors und die Deformation der untergeordneten Faktoren. Das Material wird in ihnen bis auf ein Minimum reduziert. Dieses Minimum erscheint aber immer noch als ein hinreichendes Zeichen für das konstruktive Prinzip.
Textbeispiel für den vers libre:
Aus: T. S. Eliot, Gesammelte Gedichte 1909 1962, Hrsg.: Eva Hesse, Suhrkamp
Vier Quartette
Little Gidding
I
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Frühling mitten im Winter ist eine eigene Jahreszeit
Immer und ewig, wenn auch gegen Abend durchweicht,
In der Schwebe der Zeit zwischen Pol und Wendekreis.
Zur hellsten Stunde des kurzen Tages mit Frost und Feuer
Entflammt die kurze Sonne das Eis auf Teich und Gräben,
In windstiller Kälte, die die Hitze des Herzens ist,
Zurückgestrahlt in wässrigem Spiegel
Ein Glast, der Blindheit bedeutet am Frühnachmittag.
Helleres Feuer als flammender Zweig oder Rost
Zündet den tauben Geist: nicht Wind, sondern Pfingstfeuer
In der dunklen Jahreszeit. Zwischen Schmelzen und Frieren
Regen sich Säfte der Seele. Da ist kein Erdgeruch
Oder Geruch nach Lebendigem. Dies ist Frühling,
Doch nicht in der zeitlichen Ordnung. Nun steht die Hecke
Eine Stunde lang weiß da in der vergänglichen Blüte
Des Schnees, ein Blühen viel unvermittelter
Als der Sommer es kennt, weder knospend noch welkend,
Nicht in der Geschlechterfolge des Werdens.
Wo ist der Sommer, der unvorstellbare
Nullpunkt-Sommer?
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Maximalbedingungen des Rhythmus ( nach Saran):
- Das Metrum
- die Dynamik
- das Tempo
- die Agogik
- Tonartikulation
- die tote Pause
- die Melodie
- der Text
- das Euphonische des Textes
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Kritik Tynjanov:
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Rhythmus wird durch akustische Analyse unrechtmäßig erweitert.
Rhythmus wird als akustisches System betrachtet.
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Minimalbedingungen des Rhythmus:
Der Rhythmus kommt durch Wechselwirkung von Faktoren zustande. Bei der Minimalbedingung müssen diese Faktoren nicht als System vorliegen, sondern nur als Zeichen eines Systems. Þ Hervorhebung einer metrischen Gruppe als Einheit.
- Metrum als System: Konsequente Durchführung des metrisch Vorbereiteten.
- dynamisch-sukzessiven metrischen Vorbereitung (progressiver Moment)
- dynamisch-simultanen metrischen Ausführung (regressiver Moment)
- Vorbereitung und Ausführung: Einheiten können in Teile zerlegt werden, oder können zum Bewußtsein metrischer Formen führen (z.B. Sonett)
- Metrum als dynamisches Prinzip: Das Vorbereitete gelangt nicht zur Ausführung.
- Koordination der Einheit (progressiver Moment)
- Unterordnung (regressiver Moment)
- metrisch freier Vers z.B. vers libre, vers irregulier
- Versreihe:
- Verseinheit: Schreibweise
- Versdichte
- Dynamisierung des Redematerials
- systemgebundener Vers: vollzieht sich nach dem Prinzip der Hervorhebung der kleinen Einheit. = Dynamisierung der Wörter
- vers libre wird die Reihe als Maßstab empfunden. = Dynamisierung von Gruppen
Prosa / Vers:
- künstlerische Prosa unterliegt ebenfalls dem Rhythmus als System bzw. der Lautorganisation.
- Dennoch wird Prosa durch lautliche Organisation nicht zum Vers. Je mehr sich der Vers in dieser Beziehung der Prosa annähert, wird er doch niemals zur Prosa.
- Gedicht in Prosa und Roman in Versen beruhen als Genres ebenfalls auf diesem Unterschied. Das Gedicht in Prosa deckt immer das Wesen der Prosa auf. Der Roman in Versen deckt immer das Wesen des Verses auf.
vers libre als Prosa:
- Versgliederung fällt nicht mit den syntaktischen Abschnitten zusammen.
- hier deckt sich die Verseinheit nicht mit der syntaktisch-semantischen, d.h. die Einheit der Versreihe wird zerstört.
- die Dichte der Versreihen wird zerstört.
Þ objektive Merkmale des Versrhythmus sind damit zerstört
Versgliederung fällt mit den syntaktischen Abschnitten zusammen
- Einheit der Versreihen geht verloren.
- die wichtige Verbindung zwischen den Gliedern der syntaktischen Einheit bleibt erhalten.
Þ dennoch ist die Versreihe nicht mehr Versreihe; das Moment der Rededynamisierung entfällt.
> Einwand Meumann: rhythmisiertes Wortmaterial lenkt durch seinen Sinn vom Rhythmus ab. Rhythmus und Material sind zwei statische Systeme die gleichgesetzt werden und eins über dem anderen gelegt wird. Der Rhythmus liegt über dem Material.
Wenn Rhythmus in der Poesie hervortritt soll damit ein bestimmter Nebeneffekt erzielt werden.
> Laut Tynjanov handelt es sich beim Versmaterial nicht um Material, das man rhythmisieren muß. Es ist bereits rhythmisiertes, deformiertes Material.
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Unter Der Kiefer
Nadeln ohne Öhr,
Der Nebel zieht
Die weißen Fäden ein.
Fischgräten,
In den Sand gescharrt.
Mit Katzenpfoten
Klettert der Epheu
Den Stamm hinauf.
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Peter Huchel
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Prinzessin Sabbath
Hund mit hündischen Gedanken,
Kötert er die ganze Woche
Durch des Lebens Kot und Kehricht,
Gassenbuben zum Gespötte.
Mensch mit menschlichen Gefühlen,
Mit erhobenem Haupt und Herzen
Festlich, reinlich schier gekleidet
Tritt er in des Vaters Halle.
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Heinrich Heine
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